Mittwoch, 17. Januar 2024

ANIMA ONE - Symphonic Conceret No.1 Günter Werno featuring Vanden Plas & The Philharmonie Kaiserslautern

 Vor wenigen jahren spielten die Philharmoniker des Pfalztheaters Kaiserslautern ein Konzert in der Fruchthalle ebenda. Im Programm fand sich u.a. der 3. Satz des "Concerto for Group and Orchestra" von Jon Lord. Den Part der Rockband übernahm die Lautrer Progmetalband Vanden Plas. 

Nach diesem erfolgreichen Konzert  - bei dem auch der Schreiber dieser Zeilen dabei sein durfte - sprach der Kulturreferent(?) der Stadt(?) Günter Werno - damals noch Keyboarder der Band - an, ob er ein Konzert der gleichen Art komponieren könne. Derart angestachelt machte sich Günter Werno an die Arbeit. Am 13.Mai 2022 fand dann die Premiere in der Fruchthalle zu Kaiseerslautern vor Publikum statt. Man machte Nägel mit Köpfen und nahm dieses Event mit Kameras und Mikrophonen auf und legte nun dieses Werk als Doppelpack CD/DVD vor. 

Dieses Werk teilt sich in drei Sätze : Animabilis, Animosus und Animato. Der erste Satz beginnt mit einem Pianointro , das nach wenigen Takten vom Orchester begleitet wird und das Geschehen  seinen Lauf nimmt. Dem Orchesterpart folgt ein kurzer Einschub der Band. Dann übernimmt wieder das Orchester und es entwickelt sich ein Wechselspiel von einzelnen Orchestergruppen mit der Band bzw. solierendem Bandinstrument wie Gitarre und Orgel/Piano. Es entsteht der Eindruck, daß Werno  vermeiden wollte, was die Kritik noch den Komponisten der ersten Rock-/Klassikstücke vorwarf, nämlich dass sie nur Band und Orchester nebeneinanderstellen. Es gibt immer wieder Passagen, in denen das Orchester die Themen dominiert und die Band ihre Improvisation ergänzend bzw. wie kommentierend dazu gibt. Stefan Lill besticht durch klares und lockeres Spiel an der Gitarre und Günter Werno findet die Verbindung zwischen Band und Orchester mit seinen Beiträgen.

Der 2.Satz - Animosus - beginnt wieder mit einem Pianothema, das die Bläser begleiten und ausführen. Die Band "schleicht" sich in das Geschehen ein und übernimmt kurz das Regiment. Das Orchester drückt, die Band lässt aber nicht nach und die beiden Gruppen begegnen sich. In der Minute 9 ein Break, die Orgel wirft ein schräges Motiv in den Raum, das Orchester versucht dieses wieder einzufangen, wird aber schwach und übernimmt nach und nach dieses Schräge. Die Band übernimmt die Herrschaft. Es geht nichtsmehr ohne die Band. Sie kommem zusammen. Der Schluss wird bestimmt durch Harmonie.

Der 3.Satz - Animato - beginnt dramatisch mit einem Gitarrenintro. Das Orchester setzt starke Akzente in ebensolchem dramatischen Duktus. Es wird etwas ruhiger, man assoziiert Filmmusik, die Streicher malen Bilder bis die Gitarre ein Motiv anstimmt, die Orchesterbläser übernehmen und begleiten.Das Ganze geht in einen Tanz über, wie man ihn in Musicals o.ä. vermuten würde. Unterbrochen von einem Bandeinwurf, der die Motivik variiert.Torsten Reichert bringt sich mit einem kurzen Basssolo zu Gerhör.

Die Band Vanden Blas wäre nicht sie, wenn nicht ihr Sänger mitmischen würde. So kommt es nun zum Auftritt von Andy Kuntz. Aber er ist nicht allein an der Stimme, sondern Astrid Vosberg vom Pfalztheater Kaiserslautern steht ihm zur Seite und beide zeigen im folgenden Vokalpart, was sie schon des öfteren in vergangenen Rockmusicals geschaffen haben. Sie tragen gekonnt und mit Inbrunst Texte des Altvoerderen W.Shakespeare vor (Sonette Nr.18/91). Das machen sie routiniert, aber nicht oberflächlich. 

Der Satz klingt ruhig aus. Und das überrscht dann doch ein wenig. Wenn man die schon erwähnten Rockmusicals kennt, an denen Vanden Plas und das Pfalztheater beteiligt waren, dann endeten diese mit großem Pomp und Pathos. Dieses Werk hier nicht. Das ist zumindest bemerkenswert.

Diese Arbeit, die sich auch Symphonic Concert No.1 nennt, ist nun kein revolutionärer Neubeginn im Kontext der Verbindung von Rockband und klassischem Orchester. Sondern es ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg und das kein kleiner. Es bleibt zu wünschen, dass dem No.1 noch weitere folgen mögen.

Montag, 10. Oktober 2022

CHICAGO V

 

Nachdem die ersten Alben der Band Doppelalben waren und mit dem Livealbum IV sogar ein Vinylquartett in die Läden kam, beschied man sich mit Chicago V zumindest auf ein 1-LPalbum. Allerdings fütterte das Marketing die ersten Auflagen mit 2 Bandposters auf. Das Holzimitatcover vermittelte zusätzliches Unikatflair. So war das Album zuallererst ein Blickfänger in den Läden. Die ausgekoppelte Hitsingle "Saturday in the park" förderte den Umsatz. 

Vor dem Konzertreigen in der Carnegie Hall schon komplett eingespielt(!) wurde "V" im folgenden Sommer des Jahres 1972 geschnitten und veröffentlicht nachdem das schon erwähnte "Saturday..." als Single ausgekoppelt war.  "Saturday..." stammt wie andere 7 Songs der 10 Titel aus der Feder von Robert Lamm, der damit nachwieß, welch profunder Songwriter er war/ist. 

Die Songs sind sehr abwechslungsreich, berühren einige Genres wie Protoprog ("Hit by Varese"), das folgende "All is well" hat Westcoast in sich,"Dialogue" startet leicht rockpoppig im ersten Teil um dann im 2.Teil sich in eine Hymne zu steigern mit gospeligem Gruppengesang und eingängigem Bläsersatz - Vorsicht - Suchtgefahr! Davor jedoch liegt "Now that you've gone", ein funky Titel von James Pankow auch wieder mit scharfem Bläsersatz und Mehrsatzgesang, zweier Komponenten die Chicago wie kaum eine andere Band zu verbinden vermochte. Eines der Hauptkennzeichen der Band seinerzeit. James Pankow zeichnet übrigens als verantwortlich für die Bläsersätze der Band.

"While the city sleeps" eröffnet die 2.Vinylseite, mit schwer rockender Einleitung, die immer wieder den Fluss des Stückes verschleppt und so aus dem Wechsel der Tempi seine Spannung zieht wie auch das Solo von T.Kath, der sich ansonsten auf dem Album zurückhält. Mit dem von ihm geschriebenen"Alma Mater" bekommt er dennoch noch seinen Auftritt am Ende des Albums (Vinylversion). 

Nach der schlafenden City geht's ab in den Park und zwar on saturday. "Saturday in the park" war einer der größten Hits der Truppe und kann man auch heute noch hören. Im Gegensatz zu den im Dudelfunk ständig wiederholten Schmuseschmonzetten, auf die die Band in den späten 80er, 90er-Jahren und noch heute reduziert wurde bzw. wird. Diese Einordnung hat die Band m.E. nicht verdient und stellt ein "Verdienst" des zunehmenden Einflusses v. P.Cetera in der Band dar. Zu Beobachten vor allem nach dem tragischen Ende von Terry Kath 1978.

Funky geht's weiter mit "State of the union", das auch wieder knackige Bläserriffs vorhält und ein schönes Trompetensolo v. Lee Loughnane. "Goodbye" ist aber noch nicht das Ende des Albums. Leicht swingend lässt der Song auch Jazzfans aufhorchen. Auf einen latinmäßigen Rhythmusboden gibt es wieder ein Trompetensolo. Danach ein Break mit einem Gesangspart, der nochmal die ganze Qualität der Musiker aufscheinen lässt. Als Abschluss darf dann in "Alma Mater" T.Kath seine Akustische hervorholen und seine raue Stimme damit begleiten. Robert Lamm tut am Piano das Seinige  dazu. Ein stimmungsvoller Abschluss eines großartigen Werkes des damaligen Bläserrocks. 

Die Songs sind kompakt komponiert und eingespielt. Da wirkt jeder Ton richtig platziert. Keiner ist zuviel und es gibt keinerlei Leerlauf. Ein zeitloses Rockalbum wie aus einem Guss ohne Fehl und Tadel.  

Auf der CD-Ausgabe von gibt es noch 3 Zugaben: 1) "A Song for Richard and friends", das schon in Carnegie Hall live gespielt wurde. Ein Stück, das Richard Nixon und seinen "Freunden" des Vietnamkrieges gewidmet ist. Entsprechend lärmend kommt der Blues auch rüber.

2.Zugabe ist der "Missisippi Delta City Blues", das später auf Chicago XI nochmals erschien und T.Kath in den Mittelpunkt stellt.

3.Zugabe ist die Singleversion von "Dialogue".


Sonntag, 2. Oktober 2022

Chicago at Carnegie Hall (Chicago IV)

Auf ihrer Tournee 1971 zu ihrem Album "Chicago III"        buchte das Management die geschichtsträchtige Carnegie Hall in New York für 6 Tage im April vom 5.-10. Sie spielten an 6 Tagen 8 Shows, wie man das nannte, also 8 Gigs, davon 2 Matinees. D.h sie hatten an 2 Tagen 2 Gigs. Wie man lesen kann waren alle Gigs sold out! Was wiederum uns heute sagt, dass sie dunnemals  eine Art Hochzeit bzw. einen Gipfel ihrer Karriere erleben durften. Dies nahm man auch zum Anlass, alle Gigs aufzunehmen.

Aus diesen Aufnahmen bastelten Columbia Records eine opulente Box aus 4 LPs, einem Riesenposter, das die Band im Livemodus zeigt und mit dem man eine ganze Wand eines Jugendzimmers zuhängen konnte. Dazu ein kleineres Bandposter und ein Photobuklett mit Livebildern und dem Text ihres bedeutungsschwangeren Titels "It better end soon".

So stand die Box ab ca.Oktober 1971 in den Plattenläden. Auch im Plattenladen meiner Wahl. Also musste die erste Ausbildungsvergütung damals herhalten um für 32 DM(!) damals - oder waren's doch 36 DM? - dieses Objekt der Begierde in die heimische Stube zu schleppen. 

Der Einstieg in die CarnegieHall zieht sich etwas in die Länge. Man lässt den Hörer teilhaben am Einstimmen der Instrumente, gefolgt von einer knappen Ansage und dann legen sie los mit "In the country". Aber nicht so am 5.April 1971 beim tatsächlichen Start der Woche. Dort eröffneten sie die Konzertreihe mit "Someday (August 29.1968)", das in der Boxausgabe ganz fehlt. Es taucht erst wieder auf in der zum 50.Jahr der Konzertreihe erschienenen CD-Box. Lee Laughnane (trumpet,perc) und sein Ingenieur Tim Jessup verbrachten ca. 1 Jahr mit all den Bändern dieser Konzertwoche und brachten die Konserven in anhörbare Form. Daraus wurde eine 16(!)CD-Box, die im September 2021 veröffentlicht wurde. Damit lässt sich die ganze Woche akustisch chronologisch nachvollziehen. Kann man machen, muss man aber nicht.

 Wo Chicago draufsteht, ist auch Chicago drinnen. Dies gilt vor allem für die Carnegie-Box. Alles, was man bisher auf den 3 Alben an bläserintegriertem Rock geboten bekam breitet die Band mit viel Spielfreude (alle!) , Energie (Terry Kath!) und Souveränität (Robert Lamm!) vor dem Publikum aus. Kernstücke der Auftritte sind durchgängig die bis dato erschienen erfolgreichen Singles wie "Does anybody really know what time it is" o. das unkaputtbare Cover "I'm a man". Als wahre Highlights entwickeln sich das ruppig-funkige "Sing a mean time kid", das die Truppe schon in proggige Räume spähen lässt wie auch das bedeutungsschwangere "It better end soon" mit seinen 5 "movements". In diese Kathegorie gehört auch das "Ballet for a girl in Buchannon" mit dem Hit "Make me smile".

Ein persönliches Highlight ist der Song "I don't want your money", das dermaßen rockt, dass dabei niemand ruhig sitzen kann. Auch der Schrei nach Freiheit "Free" ist ein Gänsehautmoment.

Teile der Band waren mit dem Ergebnis der Aufnahmen nicht allzu zufrieden und hätten am Liebsten eine Veröffentlichung verhindert (Peter Cetera/James Pankow). Sie hielten die Sounds für zu dumpf, hallig und trötig (Bläser). Aus heutiger Sicht darf die interessierte Rockwelt froh und glücklich sein, dass die Beiden sich nicht durchsetzen konnten.

So liegt hier ein Dokument der Rockmusik vom Beginn der '70er Jahre vor, das überzeugend aufzeigt, was möglich war und umgesetzt wurde an Kreativität, Spielfreude und einfach Spaß am Rock'n'Roll der Zeit.

Der Mix aus Rock;Funk,Pop und Jazz lässt sich auch 50 Jahre nach dem Event sehr gut hören und das Eine/Andere noch bzw. wiederentdecken. Ein Klassiker des Rock sollte nicht vergessen werden.

Freitag, 26. August 2022

Chicago - III


Nach dem Debutalbum Chicago Transit Authority und Chicago II und ausgedehnter Tour wirkte die Band - lt. eigener Aussage D.Seraphine "fatigued and road-weary" , also fix und alle.. Aber "pacta sunt servanda", hilft nix, sie mussten wieder ins Studio und malochen. So probierten und experimentierten sie nach Kräften und warfen ihre individuellen Fähigkeiten in den Ring. Wenn man sich die Komponisten der einzelnen Titel anschaut, fallen mit Robert Lamm, Peter Cetera und Terry Kath die Hautpstützen des Komponierens ins Auge. Aber auch die Bläsersektion und Drummer Seraphine trugen sich ein.
Wie klingt  nun das Ergebnis der Mühen aus heutiger Sicht ( oder besser Hör)?
Vorab möchte ich bemerken, dass diese Band von ihrem ersten Auftauchen in meiner Hörhemisphäre sofort zu meinen Lieblingen gehörte(" I'm a man - 1.Album!). Also von objektiver Rezension kann im Folgenden nur bedingt die Rede sein.
Was zunächst auffällt, wenn man sich die Titelliste anschaut, ist, dass es sowohl einzelne Songs als auch Songgruppen, auch Suiten genannt, gibt. Dabei spielte auch das damalige Format der Vinylscheiben eine Rolle. Die ersten Songs kamen auf die erste Seite beginnend mit dem funkigen "Sing a mean tune kid". Hier schon glaubt man  live im Studio während der Aufnahme zu sitzen. So wird hörbar angezählt und die Band setzt akurat ein. Bei entsprechender Lautstärke  der heimischen Anlage ist man mitten im Geschehen. Anders als beim 2. Album, das im Vergleich distanzierter klingt. Aber zurück zum Musikalischen.
Es wird schnell hörbar, was die Faszination damals ausmachte, die die Band ausstrahlte: Es ist die Kombination von rockigen Riffs sowohl von Gitarre als auch Bläsersätzen, melodiösen Vocals, die auch mal kantiger werden können, Dazu die meist aggressiven Soli von Gitarrenberserker Terry Kath.
Auch jazzige Ausflüge gehörten unbedingt ins Konzept der Band, wofür meist die Bläserabteilung sorgte.
So ufert der Einsteiger auch in einem wilden Solo der Gitarre aus (Ausblende!). Der nächste Titel "Loneliness is just a word" steigt mit einem jazzigen Bläsersatz ein, das swingende bleibt durchweg erhalten, die Stimme v. T.Kath passt genau zu diesem Swing, er erdet damit das Ganze kontrastrierend zu den Westcoastchören im Hintergrund. Westcoastmäßig wird's dann in"What else can I say", eine Ballade, in der Peter Cetera schon andeutet, wohin es einige Jahre später nach Kath's tragischem Tod mit der Band hingehen sollte - in's süßlich-kitschige Poplager.
Jetzt aber die Wende zum puren Rock. "I'don't want your money" ist zu dieser Zeit mit "25 or 6 to 4" DER Chicago-Titel schlechthin, weil hier gerockt wird, was das Zeug hält. Und die Bläser die Verbindung zum Jazz dank ihrer Satzgebung nicht abreisen lassen.
Nun beginnt der erste Songzyklus mit  dem countyesken "Flight 602", viel Westcoast und Schöngesang mit Slidegitarre. Anschluss hält ein "Motorboat to Mars", ein Schlagzeugsolo auf einem Album! Heute so gut wie  ein tabu. Die 90 Sekunden vergehen aber wie im Flug(!) und der Aufschrei " I just wanna be FREE" lässt die Beinchen kaum ruhig sein. Allein die Inbrunst, mit der alle Beteiligten mittun reißt mit. Da kann man nicht widerstehen! Auch hier scharfe, exakte Bläsersätze, die eines der Markenzeichen der Band waren.
In "Free Country" zeigt die Band ein anderes Gesicht. Hier wird neoklassisch musiziert. Das Klavier beginnt, eine Flöte klingt sich hinzu, Irgendwo las ich, dass bei manchen Kompositionen der Band lydische Tonleitern die Basis stellen. Vlt. hier? Da muss ich passen. Jedenfalls gesellt sich auch ein Metallophon hinzu und die freie Entwicklung nimmt ihren Lauf.Mit einem Ende, das an PF gemahnt. Einige Klavierakkorder leiten "At the sunrise" ein, ein Westcoastsong mit mehrstimmigem Gesang uramerikanisxcher Art und dazu schönharmonische Bläsersätze, wie sie nur von Chicago kommen können. Da sind sie einfach unverwechselbar. Und wieder zählt Terry the Kath an und die Sause geht los, diesesmal mit wortlosem Gesang , akustischer Gitarre und Bläserbegleitung. Das klingt nach Urlaub, Sonne, Meer, Unbeschwertheit. Ein Postachtundsechziger sotzusagen um auch mal ein "Post" unterzubringen. Rezensionen ohne "Post" scheinen zur Zeit total "oldschool" zu sein, einfach out. Jeder, der was auf sich hält muss mindestens ein Mal "Post" verwendet haben. Ich schweife ab...
Die Flöte hat derweil übernommen und das E-Piano begleitet und der Song klingt flötig-bassig-drummig aus.
Nun kommt die Mutter um die Ecke  - "Mother". Ein E-Pianoriff bildet die Basis, vorwärts treibend. Eine Strophe wird von Robert lamm angestimmt, Bläser mischen sich ein, Break, ein rockjazziger Rhythmus wird von Gitarre und Keys gelegt, Bläsersoli improvisieren, - Break - zurück zum Lied, eine Strophe wird mehrstimmig intoniert, wieder ein Bruch, Posaunensolo, Ende: Das wirkt aber nicht zerrissen, sondern wie aus einem Guss, das muss so sein und nicht anders. 
"Lowdown" wurde komponiert von Drummer Seraphine with a little help from Peter the Cetera. ein eingängiger Song mit Hitqualität und radiotauglich. Klingt heute schon aweng gestrig. Aber nett.
Eine Stunde unter der Dusche wird im nächsten Zyklus verarbeitet. Was sich hinter dieser mystischen Botschaft verbirgt, wird dem geneigten Neugierigen hier wg. der rudimentären Englischkenntnissen des Rezensenten nicht offenbart. Jedenfalls legt sich hier Terry Kath richtig ins Zeug. Er scheint zu wissen wovon er singt... Auch hier zeigt die Band alle ihre kompositorischen und musikalischen Fähigkeiten. 
Dann gibt's überraschenderweise ein kleine Prise Lyric Ein Gedicht, vorgetragen von Robert Lamm von Kendrew Lascelles (?). 
Bedeutungsschwanger setzen Bläsaer nach, eine Flöte mit Klavierbegleitung leitet über zu einem von Bläsern bestimmten Song.Dann wird's wieder frei, es wird kakophoniert  mit Autohupen und Presslufthämmern. In den '50ern nannte man das - so denke ich mich zu erinnern -. musique concrète. Scharfe Bläsersätze holen uns wieder in die Chicagowelt zurück . Ein jazziges Trompetensolo geht einem Orgelsolo voraus, dem folgt ein Saxsolo, nun setzt Terry Kath seinen Abdruck in die Rillen, sogar sehr gepflegt kann er auch, nochmal Posaune, Bläserschläge und nochmals das Thema und das Ende mit großer Geste. 
Wir haben hier ein Album, das a) typisch ist für die frühen '70er, das sich aber b) zum größten Teil heute recht zeitlos -
 will meinen an keine Zeit angebunden - hören lässt. Es ist abwechslungsreich, dabei unverwechselbar - und deshalb eines der Besten der Band. Inzwischen hat es in meiner Liste das 2. Album überholt. Die Band wird nun 55 Jährchen alt und geht auch auf Tour. Ein neues Album gibt es auch. Es ist Zeit sich zumindest der ersten 5,6 Alben zu widmen.















Mittwoch, 23. März 2022

MOON HALO - CHROMA


 

Wenn sich Musiker zusammerntun, die bisher eher sich mit prognahen Konzepten musikalisch ausdrückten, dann ist nicht zwingend zu erwarten, dass dabei Pop bzw. Poprock rumkommt.  Bei der Formation MOON HALO jedoch war dies offenhörlich der Fall. Da trafen sich Mostly Autumn-, Riversea-  und Heather Findley Band- Musiker und   komponierten ein Album, das überrascht mit knackigen Riffs, Mitsingmelodien und vielen tanzbaren Rhythmen. Und das auf hohem Niveau. da wirkt kaum ein Titel als Füller. Die Songlängen sind annähernd radiolike. Nach 2-3 Durchläufen stellt sich eine Sogwirkung ein, die einen den Repeatschalter drücken lässt, d.h. Suchtgefahr!

Die späten 1960er - frühen -70er Jahre ploppen wieder auf, Erinnerungen an Fleetwood Mac der Rumour-Phase, Dire Straits  - die Soli von Gitarrist Martin Ledger sind schon fein - und ZZTop (" Seize the day") klingen an. Funksouliges schlägt durch - man zieht an vielen Strängen. Garniert wird mit einigen elektronischen Gimmiks in angemessenem Maße. Da werden die Gehörgänge nicht zugekleistert, alles klingt transparent und durchhörbar. 
Wesentliches Charakteristikum ist die Stimme Marc Atkinsons, die zunächst etwas zurückgehalten rüberkommt, aber mit fortlaufender Dauer immer mehr an Format gewinnt gleich ob in einer Ballade (" The Veil") oder im anschließenden Rocker " Parachute" (ZZTop!), der das Potenzial eines echten Gassenhauers hat. Die Arrangements sind von der feinen Art, wie schon erwähnt scheint man viel Fleetwood Mac gehört zu haben/zu hören.
CHROMA ist Pop/Poprockalbum der feineren Art, das auch den Proggy packen kann so er offen für den Tellerrand ist. Inzwischen ist auch das 2. Album erschienen, das nach dem ersten Hör kein Nachlassen erkennen lässt. Da wächst was heran - MOON HALO!

Mittwoch, 13. Oktober 2021

YES - THE QUEST

 Puuuuhhhh --- uffff --- geschafft! Wie lange hat es nun gedauert, diese Langstrecke? Einundsechzig und einpaar Zerquetschte - so gequetscht und erzwungen und zäh scholl es auch aus den Lautsprechern. Was war das nun? Ich fasse es nicht. Eine Band namens YES!!! Da war mal was in den '70ern mit Stilbildnern, Meilensteinen, Unikaten, nicht zu überbieten. Was ist nur daraus geworden! Ich sitze peinlich berührt vor der Anlage und glaube es fast nicht, obwohl durch die Rezessionen hier vorgewarnt. Leider muss ich konstatieren, dass es noch schlimmer ist als befürchtet. Nein, ich kenne "Heaven & Earth" nicht und will dieses "Werk" auch nicht kennenlernen. Ich kenne nun "The Quest", was mir reicht um einen Eindruck zum derzeitigen Zustand dieser ehemals wirklich einmaligen Band zu erhalten. 

Das Album eröffnet mit der Singleauskopplung "The Ice Bridge". Synthiefanfaren emerson'scher Prägung schließen auf, da kommt schon die erste Bremse, Motto: nur mal langsam mit den alten Leut',gell? Die Davison'sche Stimme erhebt sich, nimmt Fahrt auf und es entwickelt sich ein leidlich flotter AOR-Song mit proggigem Anspruch. Kann man hören, muss man aber nicht. Das Ende klingt doch recht fantasielos.Ja man hört Steve Howes Gitarre in typischer Manier, na und? Der Rest ist belanglos.

Nun das Traurige : es wird nicht besser, im Gegenteil. Ich werde nun nicht jeden Titel belichten. Für mich lohnt der Aufwand nicht. Nur soviel. das Niveau des Einsteigers wird nicht gehalten, es sinkt bis in die Niederungen von "Music in my ears" bis zu "Mystery Tour"(unsäglich!) und "Damaged world" (schon mal  "Gates of deliirium" gehört,YES???).

Wozu also der Aufwand? Ja, es bleiben Fragen. Meine primäre wäre die, ob es nicht endlich Zeit wäre, die Rente einzureichen und die Anhänger wirklich progressiven Rocks mit den '70er Werken glücklich sein zu lassen.


Montag, 11. Mai 2020

TRAUMHAUS - In Oculis Meis

Nach nun 7 Jahren erscheint zu Coronazeiten das neue Album der Deutschprogger. Mutig in diversen Formaten  - CD und Vinyl - und zweisprachig. Mit der englischen Version schielt man auf den internationalen Markt. Wechsel an den Drums und am Bass gibt es zu vermelden. So übernimmt Ray Gattner (u.a. MBWTEYP) den Sitz hinter den Toms und Becken, und Till Ottinger (Secret World) den Bass. Den festen Kern bilden seit Jahren Alexander Weyland, der auch für die Komposition und Texte verantwortlich zeichnet, den Gesang sowie die Keyboards bedient, und Tobias Hampl, der an der Gitarre sicher einer der besseren in diesen unseren Landen ist.
Die Songs laufen zwischen gut 2 bis knapp 9 Minuten im überschau - äh - hörbaren Bereich. Longsongs wie beim Vorgänger "Das Geheimnis" finden nicht statt.

Den Einstieg ins neue Werk bildet der Titel "Das Erwachen" -  wie passend. Damit ist angedeutet, womit sich das Album textlich beschäftigt. Die zentrale Aussage findet man im Booklet in lateinischer Sprache und in der Bibel Psalm 131 Vers 4. Wer suchet, findet - dort. Der Mensch sucht und hangelt sich dabei durch die Tiefen und Höhen dessen, was man/frau das Leben nennt.
Der Song beginnt mit neoromantischem Klavier und kurzem Queenchor bevor von hartem Riffing begleitet die Stimme anhebt und die Frage der Fragen stellt: wohin und warum. Etwas gewöhnungsbedürftig klingt das Hochziehen der Stimme am Ende des 1. Verses der Strofe. Kunst?
Die Antwort mag sich jeder selbst geben.
Was sich anschließt ergibt bis zum Ende einen Songzyklus aus Titeln der typischen Traumhaus"schule" - deutsche Texte philosophisch-psychologischen Inhalts aufgesetzt auf Neoprog der eher knackigen Art, da die Gitarrenriffs scharf reinschneiten ins Geschehen. Dicke Melotrons, auch mal ein kurzes Orgelsolo, dafür jede Menge teils hervorragende Gitarrensoli von Tobias Hampl, der sicher zu den besseren Gitarreros im Lande gehört. Auch schöne cantablie Refrains in bombastischem Ambiente darf man  mitsingen - wenn man will.  Prägend war und bleibt hierbei die Stimme von Hauptkompositör Alexander Weyland, die ihren Stempel dem Bandklang aufdrückt ohne zu herrschen. Wenn auch der Einstieg etwas unglücklich wirkt (s.o.).
Ein Album mit kompakten Songs ohne Längen, mit Melodien und metalharten Riffs. Man kann es mögen - wie der Rezensent. Aber es ist nicht das stärkste Album der Truppe.

https://traumhaus.bandcamp.com/album/in-oculis-meis-german-edition

Die Band:
 Alexander Weyland:      Vocals, Keyboards, Programming
Tobias Hampl:                Guitars
Till Ottinger:                   Bassguitars
Ray Gattner:                  Drums

Titel:

1. Das Erwachen                      2:14
2. Bewahren & Verstehen        8:22
3. Der Vorsprung                     6:13
4. Entfliehen                            5:22
5. Viele Wege                          4:47
6. Der neue Morgen                7:41
7. Verstehen & Bewahren       5:34
8. Die Dunkelheit
     durchleuchten                    8:58

Sonntag, 26. April 2020

UK - NIGHT AFTER NIGHT - LIVE

Im Jahre 1977 gründeten Alan Holdsworth (g, Ex- SoftMachine), Eddie Jobson (v,keys, Ex-RoxyMusic, Ex-CurvedAir, Ex- FrankZappa), John Wetton (b,voc, Ex-KingCrimson, Ex-UriahHeep, Ex-RoxyMusic) und Bill Bruford (dr, Ex-Yes, Ex-KingCrimson) eine Band mit progressiver Ausrichtung, wobei Gitarrist Holdsworth den jazzigen Anteil stark unterstrich. Dies wiederum führte mit der Zeit zu Spannungen mit Wetton, der eher dem AOR zugeneigt war. Nach dem ersten Studioalbum UK (1978) trennte man sich von der Jazzfraktion Holdsworth und Bruford. Terry Bozzio von Zappas Truppe setzte sich hinter die Drums.Im Folgejahr wurde das 2.Studioalbum "Danger Money" eingespielt. Das Trio tourte darauf teils als Headliner, teils als Support (z.B. Jethro Tull) unter anderem auch in Japan. Dort wurde das Album "Night after Night"  in verschiedenen Städten aufgenommen und noch 1979 veröffentlicht.
Nun also im Jahre 2019 eine Neuauflage mit dem Zusatz "extended", welche auch nur ein Teil des Boxsets "Ultimate Collectors Edition" darstellt; quasi eine Drittvermarktung des gleichen Artikels. CD 1 eröffnet mit "Night after night", einem Song mit gestolpertem Intro, was die Rhythmik betrifft - nein, ich bin zu faul zum Mitzählen, um gleich allen Fragen zuvor zu kommen -  aber eingängigem Refrain und schönem Orgelsolo von Jobson, das musikalisch mehr hergibt als die etüdenhaften Tonleiterfingerübungen, die die meisten Keyboarder als Soli anbieten.
"Danger Money" eröffnet mit dunkel dräuenden Keyboardakkorden, die nix Gutes verheißen. Der Song beginnt dann auch mit mehrstimmigem Refrain, dem die typische Liveatmosphäre anhaftet. Die Mehrstimmigkeit klingt roh und ungeschönt. Der Instrumentalpart - aus heutiger Sicht wenig spektakulär, damals in den End70ern, war dies schon ein starkes Statement für eine Keyboarder - 3-Mann-Kapelle.
Auch könnte man diesen Titel als Aufwärmer für das komplexere "The only thing ..." verstehen, indem vertrackt musiziert wird und John Wetton - nicht zum einzigen Mal - an seine stimmliche Grenze gerät. Hier glänzt Jobson mit diversen Keyboardklängen und Soli. Die Violine wird hauptsächlich als Soundinstrument und weniger als Soloinstrument verwendet. Wettons treibender Bass sorgt für Tempo und Drängen.
"Nothing to lose" ist eine Reverenz an Wettons Popaffinität. Ich erinnere mich an manche Radiosendung damals, in der dieser Titel lief.  Jobsons Violinsolo klingt gut, ist aber inhaltlich sehr sparsam. Ebenso der Tastenteil. Insgesamt nothing fancy.
Als ehemaliger Bassist war ich natürlich gespannt auf das so titulierte Basssolo. Es beeindruckt durch Tempo und Beweglichkeit auf dem Griffbrett.
Synthieklänge begleiten die ersten Worte von "Thirty years".  Nach ruhigem Beginn entwickelt sich ein typischer Progsong der damaligen Zeit. Auf eine Keyboard-Bass-Hookline setzt sich eine gesungene Tonfolge - das Wort Melodie scheint mir unpassend - der folgt wieder eine Hookline mit einem refrainartigen  - jetzt passt's - Melodie.
Mit in der Melodieführung, den Keyboardsounds und dem verschleppten Rhythmus stark an King Crimson erinnernden "Carrying no cross" geht die Reise weiter in die Welt des '70er- Progs. Nach KC folgt eine Hommage an ELP's "Tarkus" ohne daraus direkt zu zitieren. Aber die Anleihen sind mehr als deutlich. Sicher ein Höhepunkt des Auftritts und dieses Albums.
"Rendezvous 6:02" gilt für Fans ebenso als ein Höhepunkt im Schaffen der Band, war dunnemals öfter in den Hitparaden des Rundfunks anno Endsiebziger zu hören, wenn auch nicht auf vorderen Plätzen. Ohrwurmqualität ist dem Liedchen nicht abzusprechen live mit Keyboardsounds etwas aufgemöbelt.
"As long as you want me here" bildet den Abschluss der 1.CD und ist ab Minute 2 nicht wirklich spannend mit seinem schlagerhaften Refrain, da rettet auch der ruhigere Mittelteil und die unterlegten Keyboards nicht mehr viel.
Mit dunklen Synthiesounds eröffnet "Alaska" die 2.CD. Eine Keyboardernummer Emersonscher Prägung ergießt sich über den Hörer, die unvermittelt in "Time to Kill" übergeht, ein Song, der sperrig wirkt, mit Tempo nicht geizt und ein echtes Violinsolo preisgibt, das über reine Fingerübungen hinausgeht. Nicht nachvollziehbar, dass der Titel "Violinsolo" nicht direkt anschließt, sondern eine Kunstpause eingeschoben ist. Wobei dieses "Solo" eher einem Klanggemälde mittels Fingerübungen ähnelt als einem musikalisch fundiertem Solo, indem es um Variation bzw. Improvisation gehen sollte. So bleibt der Eindruck, dass Mr. Jobson unter seinen Möglichkeiten bleibt, die er in "Time..." allerdings angedeutet hat.
"By the light of day -Part II" und "Presto Vivace " zeigen Eddie Jobson als exzellenten Keyboarder, der den damaligen Tastenlöwen im Spieltchnischen sicher in Nichts nachstand. Das Drum solo im Anschluss - so what, dem Zeitgeist damals geschuldet.
Ja,"In the dead of night" beginnt nicht nur krummtaktig, der Krummtakt trägt auch durch das ganze Stück; nein, ich habe als 2,3,4/4 geeichter Hörer nicht mitgezählt. Aber gespürt(!), dass das Stück anders getaktet ist. Allerdings wird heute die Tragik der Situation, in der der Prog damals sich befand. hörbar. Cheesy Sounds der Keyboards und poppige, ja fast schon schlagerartige Refrains zeigten die Grenzen der Kreativität im damaligen Progrock auf. Da war man gefangen im Zwang, gefallen zu müssen um Quote zu machen. Die 80er kündigten sich schon an. 
"Ceasar's palace Blues" lässt's nochmals richtig rocken, Jobsons Dopplelgriffe auf der Geige bestimmen den Sound und lassen den Hörer mit der Erkenntnis zurück, dass die 70er zwar am Ende der Dekade eine Zäsur progmusikalisch erfahren, aber nicht das Ende des Prog bedeutet haben.

Die Band

John Wettonbass, lead vocals
Eddie Jobsonkeyboards, backing vocals, violin
Terry Bozziodrums, percussion

Titel


Disc 1
Disc 1
1.Night After Night   (Remixed from the original multitrack master tapes)5:09
2.Danger Money8:08
3.The Only Thing She Needs9:14
4.Nothing To Lose5:12
5.Bass Solo5:15
6.Thirty Years6:16
7.Carrying No Cross13:27
8.Rendezvous 6:025:32
9.As Long As You Want Me Here5:02
Disc 2
1.Alaska   (Remixed from the original multitrack master tapes)4:18
2.Time To Kill4:20
3.Violin Solo4:32
4.Time To Kill - Reprise2:21
5.By The Light Of Day - Part II1:36
6.Presto Vivace1:05
7.Drum Solo3:45
8.In The Dead Of Night6:22
9.Caesar's Palace Blues5:02
Disc 3
1.Night After Night   (BluRay (2.0 Stereo & 5.1 Surround))5:09
2.Danger Money8:08
3.The Only Thing She Needs9:14
4.Nothing To Lose5:12
5.Bass Solo5:15
6.Thirty Years6:16
7.Carrying No Cross13:27
8.Rendezvous 6:025:32
9.As Long As You Want Me Here5:02
10.Alaska4:18
11.Time To Kill4:20
12.Violin Solo4:32
13.Time To Kill - Reprise2:21
14.By The Light Of Day - Part II1:36
15.Presto Vivace1:05
16.Drum Solo3:45
17.In The Dead Of Night6:22
18.Caesar's Palace Blues5:02

Mittwoch, 8. Januar 2020

VOYAGER IV - Pictures at an Exhibition

Marcus Schinkel ist der Kopf und Treiber der neugegründeten Band VOYAGER IV. Bekannt wurde er durch seine Crossover-Projekte, vor allem das "Crossover-Beethoven"-Projekt, von dem bisher 4 CDs vorliegen. Nun also Mussorgskys Bilderzyklus aus Anlass des Geburttstages von Keith Emerson am 2.November.
Die Frage liegt nahe, ob es denn nicht schon genug Versionen dieses Klassikers gibt, vor allem im weiteren Rockbereich, in dem ELP's Fassung die berühmteste ist. Aus deutschen Landen sind die bekanntesten von MEKONG DELTA und die der STERN COMBO MEISSEN. Nun also VOYAGER IV.
Um der Sinnfrage der wiederholten Versionen des Bilderzyklus eine Annäherung zur Antwort zu geben sei hier ein Spruch von Thomas Morus zitiert, der sich auf der Homepage von Marcus Schinkel findet:" Tradition ist nicht die Aufbewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers!" Vor diesem Hintergrund gehört - und auch ohne diesen - entwickelt Schinkel eine Crossover-Version, die neue Perspektiven auf den Klassiker eröffnen kann. Ob sie dieses tut - hörmer mal:
Schon der Beginn mit der Promenade verstört zunächst den "Bilder"- afizinato mit Spacegeräuschen (Was hat Mussorgski mit dem Weltraum zu tun?). Aus  Pianoperlen löst sich kurz das Thema - von einer Oboe (Synthie?) intoniert - um dann vom Klavier jazzig bis zum Finale geführt zu werden, das als Verbeugung vor K.Emerson mit vollem Hammondsound zelebriert wird.
Dann folgt die nächste Überraschung. Die Band ändert die Reihenfolge der "Bilder". Sie hängt sie um. Anstelle des "Gnomus" folgt "Samuel Goldberg (der Reiche) und Schmuyle (der Arme)". Zum Hauptmotiv Mussorgskis schrieb Sänger Johannes Kuchta einen Text und strickte mit Keyboarder und Mastermind Marcus Schinkel eine Ballade draus. Sie lässt sich zunächst gut hören. Aber spätestens beim 2. Durchgang und der 2. Wiederholung des Refrains beginnt die Stimme Kuchtas einen unangenehmen Touch zu kriegen. Ab dem 3. Hördurchgang nervt dieser Refrain. Eine etwas andere Melodieführung des Refrains würde es dem Höer einfacher machen. dabei zu bleiben. Wie sagt der Küchencheffilosof aller Rezensenten so zielsicher? " Das Rezensieren ist kein Ponyhof!"...
Diesem stark abgewandelten "Bild" folgt nun der "Gnomus", der in ELP's Bearbeitung die kongeniale Umsetzung der Ideen Mussorgskis durch das Rocktrio erfahren durfte. Was machen Voyager IV? Sie folgen zunächst mit Power der Spur Emersons bis das Klavier eine seltsam nach latino klingende Passage einfügt. Darauf folgt eine Improvisation des E-Piano mit südamerikanischem(!) Perkussionstreiber. Ist das  Mamba oder Sambo? Ich bin mir net so sicher. Sicher ist, dass das Tanzbein zuckt. Allerdings stellt sich die Frage, was Mussorgski und seiner Idee dieser Komposition mit latinischer Musik zu tun hat. Kunst ist frei - nun gut. Darüber zu schreiben/ reden eben auch.
Übergangslos schließt sich  "Das Alte Schloss" an. Hier nimmt Kuchta wieder das Hauptmotiv bzw. die markante Melodie und legt einen Text drüber (oder drunter - wer weiß?) Was der Text und die Stimme nicht schafft, das schafft dieses hier unselige Gezirpe, nämlich Kopfschütteln auszulösen. Das wird zunächst beendet - das Gezirpe -  und so bekommt der Titel den ihm gemäßen erhabenen Platz im Gesamtwerk (wenn nur zum Ende dieses Gezirpe fehlte - das braucht nun wirklich niemand).
Die "Promenade" wird nun genommen um daraus einen Jazzsong zu performen (wie hasse ich dieses Wort, aber hier passt's). Es ist nicht abzustreiten, dass mit diesem Song etwas Leichtigkeit einkehrt, die auf die "Tuilerien" überleitet, die sehr
razz-jockig (!) präsentiert werden. Hier zeigt sich die Spielfreude und das Können überhaupt von Marcus Schinkel. Er beherrscht sein Instrumentarium und braucht keine Vergleiche mit heutigen und gestrigen Tastendrückern zu scheuen. Ein starkes Stück!
Der "Ochsenkarren"(Bydlo) wird wieder zu einem Popsong. Wobei die Stimmverfremdung in der Erzählpassage eher abtörend wirkt. Schade, Hier wurde eine Chance vertan, zeitgemäßen Prog zu entwickeln - bitte ohne Gesang!
Man hätte fast das Schlimmste befürchten können nach dem "Karren". Aber die Band zelebriert den "Lucky Man" großartig. Selten hat man diesen Titel in solcher ausdrucksvollen Progversion gehört, die auch die Bezeichnung "Prog" verdient Vor allem der 2.Teil setzt die Tragik um, die im Text steckt. Im Arrangement und der Ausführung ein Treffer. Dazu darf man den Protagonisten gratulieren. 
Die "Catacomben" (von Paris?) und die Stimmen der Toten dort inspirieren Schinkel zu einer Jazzbalade im ersten Teil mit Klavier als Hauptinstrument und dem Synthie iim Zwischenteil, Schlussteil - sorry! - Geklimper mit Synthiegeflirre, Sinnfrage!
Jetzt aber legen die Jungs los. Das ist bei dieser Vorlage aber auch keine große Kunst. Denn hiermit hat der gute Mussorgsk(i)(y)(ji) den Steilpass für Rockbands schlechthin geliefert. Die Band musste nur noch vollenden, was sie auch mit Druck und Begeisterung tut. Hat der Modest da nicht im 19.Jahrhundert den Prog schon vorgeahnt? ich frag' ja nur.
Wer nun das große Bombastfinale wie bei fast allen Adaptionen erwartet hat, wird zunächst mit einem weiteren Popsong überrascht, der sich zwar auch zum Ende hin steigert, aber auch schon nach 4:45 Minuten beendet ist.
Der Rezensent, der mit dem Original im Musikunterricht Ende der '60er ausgiebigst musikalisch vorgeprägt wurde, bleibt leicht irritiert zurück ob des gehörten Adaptionsversuches. Ist dieser nun gelungen oder nicht? Die Antwort ist: halb und halb.
 Das Album hat seine starken Momente - siehe Text - , ist stark gespielt (Schinkel!) und klanglich ohne negative Auffälligkeiten (muss man heute wieder sagen - leider!). Meine Empfehlung lautet daher: kann man sich anhören, muss man aber nicht.

https://voyageriv.bandcamp.com/

Die Band:

Marcus Schinkel:      Grand Piano, Synthsizer, Clavinet, Ebow
Johannes Kuchta:     Voc, Perc, Tupian, Sopransax
Wim de Vries:            Drums, Perc,
Fritz Roppel:              Bass

Titel:
1.Promenade5.42
2.Samuel Goldenberg & Schmuyle (My Point Of View)5.07
3.Gnomus4.16
4.Il Vecchio Castello (Photophobia)6.13
5.Promenade II (From The Land Of The Feathers)6.01
6.Tuileries4.37
7.Bydlo (The Bullock Cart)4.48
8.Lucky Man5.35
9.Catacombae/Cum Mortuis In Lingua Mortua6.29
10.Baba Yaga5.56
11.The Great Gates Of Kiev (Daedalus Calling)4.45
12.Talk To The Wind5.25

Dienstag, 22. Oktober 2019

TOOL - FEAR INOCULUM

Sie - die Band TOOL - scheinen es den Experten - Anerkannten wie Selbsternannten sei mal dahingestellt - nicht einfach zu machen.
Oder wie soll man sich das zögerliche Erscheinen der ersten Rezensionen zu diesem Werk sonst erklären? Schreibt man eine Jubelarie, dann tut man das, was die da draußen erwarten.
Die riesig großen Erwartungen bis nach 13(!) Jahren und alljährlichen Fakedaten ob der nun doch endlich bevorstehenden Veröffentlichung ließen die Fans fast in dumpfe Depression versinken oder in Hysterie ausbrechen. Aber nun ist es da - endlich! Jetzt ist wieder alles gut, die Welt im Einklang - glaubt man.
Nun, der Rezensent, der dem Oevre dieser Truppe eh' etwas distanziert gegenübersteht, ist dennoch gespannt darauf, was ihn erwartet.
Alors, nach 2  Hördurchläufen - 1x im PKW, einmal über die nicht so schlechte PC-Anlage -  erfasst mich folgender Gedanke: KRAFTWERK ! KRAFTWERK? Ja, genau "Kraftwerk" nach dem berühmten RotenHütchen-Album. Tauscht man den Kraftwerkern ihre Computers gegen ein traditionelles Rockinstrumentarium aus und setzen wir voraus sie beherrschen dieses genau so gut wie ihre Elektronics. Was passiert? Genau das:
Auf "Fear Inucolum" machen Menschen Maschinenmusik(Musik?). Sie sind darauf programmiert, komplexe Rhythmen und vertrackte Taktierung(en) zusammen zu bringen. Klänge aus Synthies zur Auflockerung sind nicht verboten. Selbst die Schlaginstrumentierung scheint elektronisch erzeugt zu sein. Alles klingt perfekt - sehr perfekt- steril - kalt. Sogar die menschliche Stimme. Ja, gesungen wird analog. Dies ist zweifellos deutlich zu hören Es handelt sich um eine menschlich/männliche Stimme, immerhin.
Und dies alles zusammen wird sehr gepflegt und mit viel Professionalität produziert. Da sitzt jeder Ton und jeder Schlag, wo er hingehört. Klanglich/soundtechnisch sehr austariert -  und spannungslos.

Wo ist das Adrenalin, das z.B. bei HAKEN im Überfluss vorhanden zu sein scheint? Hallo TOOL, ihr seid 'ne ROCKband!! Die 3-4 Minuten Abgehteile sind verdammt wenig auf fast 90 Minuten Laufzeit.

"Das ist ein Grower" schallt es an mein Ohr. Also 7,10,15 mal hören sei angezeigt bei diesem Album. Warum/wieso soll ich mich einer Hirnwäsche aussetzen um Gefallen zu finden?
Die (W)wa(h)re Kunst braucht ihre Zeit um zu wirken. Erst recht, wenn man für ein Album mit fast 90Min. Klängen um die 70€ ausgegeben hat. Das muss sich doch lohnen...

Ich will nicht verkennen, dass ein eigenwilliger Sog von dieser Ton-Rhythmus-Installation ausgeht. Dieser Sog wird über Repititvität oder schlicht Wiederholung(en) erreicht, ein uraltes Instrument um beim Hörer eine bestimmte Wirkung zu erreichen. Originell ist das im Prog - nicht nur dort -  jedoch schon lange nicht mehr.

Mein Fazit ist kurz: blankpoliert glänzende, eiskalte, superklingende Langeweile.

Nein, ein TOOL-Versteher bin ich - noch - nicht. Ich höre im Moment aber auch nichts, was mich mit dieser Band verbinden könnte.Vlt. nochmal hören?

Die Band:

Danny Careydrums, synthesizer
Justin Chancellorbass guitar
Adam Jonesguitar
Maynard James Keenanvocals

Titel:

1.
Fear Inoculum10:20
2.Pneuma11:53
3.Litanie contre la peur2:14
4.Invincible12:44
5.Legion Inoculant3:09
6.Descending13:37
7.Culling Voices10:05
8.Chocolate Chip Trip4:48
9.7empest15:43
10.Mockingbeat2:05

Montag, 7. Oktober 2019

MUNGION - FERRIS WHEEL'S DAY

Ja, zugegeben, das ist  - zunächst -  kein Prog der reinen Lehre; ja, das ist eher Pop/Poprock der ganz feinen Art. Wobei: Sie - die Band -  selbst rechnet sich der Jamszene zu. Also mal wieder eine Spielwiese für den Klassifizierungsfetischisten unter uns. Das musikalische Material wurzelt in den '70ern, STEELY DAN kommt einem in den Sinn. Aber auch Stevie Wonder lugt in den funkigen Momenten um die Ecke. Wenn man's dem Hörer annäherungsweise beschreiben könnte, dann etwa so: Donald Fagen(Steely Dan) macht mit Stevie Wonder 'ne (Jam-)Session und lassen ein Band (Rekorder) mitlaufen
Es beginnt mit dem sonnigen "One night Stan" mit funky Bläsern und typischen Fagenharmonien und Arrangements. Der Bass slapt, die Bläser grooven, die Melodie geht sofort ins Ohr, es "wurmt" sich in's Gehör. Die Soli flocken in den Äther, alles leicht und locker. Ein netter Auftakt. Man spürt, da spielt eine Truppe auf, die Spaß hat und diesen transportieren.
Der 2.Titel wartet mit einem Hillbillystück auf, das sich gewaschen hat. Das klingt frisch und unverstaubt. Die Fiddle fiddelt, das Banjo twangt, das Honkytonkpiano kleppert und das Drumset wirbelt, dass es nicht still sitzen lässt. Immer noch kein Prog!!! Pop pur!
"Ferris Wheel's Day" beginnt nach Songwriterart und nach dem Intro hört der Proggie dann aufmerksam hin. Da einige Akkordschläge unterschiedlicher Höhe, die Orgel wird dominant, der Rhythmus geht in einen Ska über, es entwickelt sich zunächst ein Song mit Strophe und Refrain, der aber sowas von ins Ohr geht, dass man ihn so schnell nicht vergisst. Proggig wird's dann ab ca. Minute 4, da nach dem Refrain gruppig improvisiert wird unter Leitung des Piano, bis die Gitarre den Rhythmus jazzig umformt, der Einstieg in einen spielfreudigen Progteil, indem es auch kurz disharmonisch wird bis die Gitarre hymnisch wieder zum Refrain zurückführt. den die Keys übernehmen. Ein Gitarrensolo variiert den Refrain, die Stimmen führen den Song zu seinem Ende. Hier zeigen die Amerikaner, was sie draufhaben: das ist mehr als "nur" Pop.
Karibisch wird's dann im 4.Titel "Quemaste tu cabello", der mit einem gefühligen Pianomittelteil glänzen kann. Dem schließt sich ein Santanagitarrensolo an.
Mit "Basketball" kommt man wieder auf Fagen/Wonder zurück. Jazzig-swingend, von Bläsern unterstützt wird gekonnt die nicht einfache Melodie intoniert. Ein Pianosolo lockert auf, abgelöst durch ein Gitarrensolo im Stil eines Wes Montgomery (wer kennt den noch?). Es swingt und groovt.
Den nächsten Titel - ein Bonsaihörspiel -  überspringe ich, da ohne musikalische Relevanz.
"Herbert" stellt gleich zu Anfang einen veritablen Progtitel dar. Die Band nutzt Poppartikel hierzu und setzt sie mittels kurzen Breaks mit CARAVAN-Bezügen zu einem typischen Song zusammen. Auch Hardrock- oder Metalriffs  werden harmonisch mitkomponiert. Es entsteht ein Fluß von Themen, Rhythmen und Melodien dem zu folgen riesigen Spaß macht. Und dies ohne Düsternis, ohne Gitarrengeschretter, Grunz- und Noiseorgien. Das tut sooo gut!
"Windows" ist ein abwechslungsreicher Popsong, der in jedem Chart, der auf Qualität Wert legt, die Spitze stürmen sollte. Ein guter Refrain, abgelöst von gepflegten Soli (Keys/Piano und Gitarre), sorgt für eine musikalisch sorglose Atmosfäre. Auch Schlüsse können sie!
"Charterbox" führt auf eine ähnliche Spur: gepflegte Strophen- und Refrainmelodien werden durch kurze, knackige Improvisationen und Tempowechsel unterbrochen ohne den Fluss des Stückes zu stören. Der Bezug zu STEELY DAN ist nicht weit hergeholt. Aus deutschen Landen fallen mir auch LAKE ein zu deren Glanzzeiten.
Das Finale des Albums bildet SLOOB SYNDROME, das Funksouliges atmet, wieder von Bläsern verstärkt. Kurze vokale Breaks und Bläserlicks leiten ein Synthiesolo ein, das von einem bodenständigen Orgelinterludium abgelöst wird. Dann wird's jazzig unter Beteiligung von Gitarre und Bass. Ein ruhiges E-Piano führt zum ebensolchen Gitarrensolo, während dessen die Band Fahrt aufnimmt und zu einem jazzfunkigen Finale. Stark! Den Witz am Schluss - muss man den verstehen?  Wer will...
Eine überraschende Entdeckung ist MUNGION an der Schnittstelle Pop-Prog, wo sich nicht viele Bands tummeln. Auch weil sich nur wenige Hörer trauen, dort hinzuhören. Schade eigentlich, denn hier ließe sich ein neues Feld erschließen. MUNGION machen es nicht einfach, stricken mit viel Spielfreude an der Brücke zwischen den Genres (wobei sie den Begriff "Prog" nicht selbst benutzen). Es sei auch auf die bei bandcamp erschienen 2 Livemitschnitte verwiesen, die nachdrücklich diesen Brückenbau untermauern(!).

 https://mungion.bandcamp.com/album/ferris-wheels-day-off

Die Band:

Justin Reckamp - Guitar, Vocals 
Joe Re - Keys, Vocals 
Sean Caralon - Bass, Vocals 
Matt Kellen, Drums, Vocals 

Die Titel:

1. One Night Stan                        4:29
2. Makanda                                  4:59
3. Ferris Wheel’s Day Off            11:00
4. Quemaste Tu Cabello              6:27
5. Basketball                                4:36
6. Parn Kournt vs. Card Farm      2:02
7. Herbert                                    11:49 
8. Windows                                   5:48
9. Chatterbox                                5:48
10. Sloob Syndrome                    10:16